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	<title>Alice Strange</title>
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		<title>wasser</title>
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		<pubDate>Sun, 25 Jun 2023 19:58:11 +0000</pubDate>
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		<title>Türkische Pizza</title>
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		<dc:creator><![CDATA[a.tessitore@hotmail.de]]></dc:creator>
		<pubDate>Sun, 25 Jun 2023 19:35:18 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Allgemein]]></category>
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<p></p>



<p style="font-size:16px">Die beiden Männer vor dem Kiosk rauchen eine Zigarette. Kurz zuvor hat der Bärtige sie aus seiner Brusttasche gezogen und der Schachtel einen kleinen Hieb versetzt, um die Zigarette mit Schwung nach vorne zu befördern. Sie sehen sich an, reden eine Weile und sehen dann wieder die Straße entlang, jeder in eine andere Richtung. Hin und wieder kommen junge Mädchen vorbei, hübsche Mädchen mit tollen Hintern und für einen kurzen Moment erinnert sich der Bärtige an die Zeit zurück, als er selbst mit breiten Schultern und glänzender Pomade im Haar durch die nächtlichen Straßen gezogen war – ganz und gar der Meinung kein Frauenblick hätte ihn meiden können. Sein Schmunzeln verschwindet, als ihm klar wird, dass ihm heute keine mehr hinterher sieht.</p>



<p style="font-size:16px">Kürzlich hat er eine Frau kennengelernt. Bettina. Den Namen mochte er von Anfang an nicht, aber ihre Augen waren schön und ihr Körper für das Alter ganz passabel. Auf ihrer Nase aber befanden sich dicke, schwarze Mitesser, ihre Brüste hingen und wenn er sie von hinten nahm klatschten sie zusammen. Bettina war eine robuste Frau, gezeichnet vom Leben und hart im Nehmen. Sie konnte gut zuhören und gab gute Ratschläge, aber man konnte wenig mit ihr Lachen. Nicht, dass ihn das sonderlich störte, aber hin und wieder wollte er lachen.</p>



<p style="font-size:16px">Zwei Tage später, am Nachmittag, sitzt er wieder auf dem Platz vor dem Kiosk. &nbsp;<br>Sein Freund hat ihm abgesagt, er muss bei seiner Frau bleiben. Zum Teufel mit den Frauen. Für ihn ist die Zeit mit einer Frau wichtig. Körperlich, so wie für sein mentales Gleichgewicht. Aber er möchte sie nicht sieben Tage in der Woche neben sich liegen haben und auch nicht neben ihr aufwachen. Er will nicht hören, wie sie von ihren Kindern klagt und auch nicht, wenn sie von ihrer Arbeit redet. Die meisten Frauen, mit denen er zu tun hat, gehen schlichter Arbeit nach. Sie reden von anderen Frauen im Geschäft und welche über die andere herzieht. Er will sich damit nicht auseinandersetzen. Es gibt wichtigeres im Leben. Zum Beispiel den Kiosk an der Kreuzung. Dies ist einer der wenigen Orte, an dem er sich, auch im Beisammensein von anderen Menschen, wohl fühlt. Aber vor allem alleine genießt er die Atmosphäre. Er beobachtet die Menschen, die an ihm vorbeilaufen, ob dick oder dünn, groß oder klein, mit und ohne fettiges Haar, verschwitzt, oder wohl riechend. Und besonders die Extremsten sieht er sich genau an. Sei es nun extrem hässlich oder schön. In ihnen gibt es etwas zu sehen. In ihnen kann er sich verlieren.</p>



<p style="font-size:16px">Die Straße ist an diesem Tag feucht, sie glänzt lasziv und lädt ihn ein, auf ihr zu laufen. Die Bäume sind der Jahreszeit entsprechend kahl und leer und nass. Und als sein Blick an den Ästen entlang gleitet bleiben seine Augen an einem halb offenstehenden Fenster hängen. Er sieht eine Frau, die sich streckt, in nicht mehr, als ihrem Körper. Sie ist weder schlank, noch dick und sie hat kurzes, braunes, weich gelocktes Haar. Als sie sich umdreht kann er einen kurzen Blick auf ihre Brüste erhaschen und ihre Nippel, die steif in seine Richtung ragen.</p>



<p style="font-size:16px">Eine Frau in dieser Gegend, ganz und gar nackt, ist nichts, was er alle Tage zu sehen bekommt. Also lehnt er sich lächelnd zurück, zieht an seiner Zigarette und stößt den Rauch aus. Ihr Körper dreht sich in die andere Richtung und ihr Hintern bewegt sich langsam mit. Kurze Zeit später hat sie ein weißes Hemd an. Dann schließt sie das Fenster. Er dreht instinktiv den Kopf und lässt seine Augen kurz auf der Straße verweilen. Als er wieder hinsieht, ist sie weg. Und so bleibt es auch. Fünf Minuten und dreißig Sekunden. Seit jenem Tag sieht er immer wieder hoch zu dem Fenster, in dessen weißem Rahmen er die Frau gesehen hat. Aber es bleibt leer.</p>



<p style="font-size:16px">So vergehen Tage und dann Wochen und schließlich vergisst er. Einmal sieht er eine große Blondine, die sich ihren Weg mit so extrem hohen Schuhen zu bahnen versucht, dass sie ein Dutzend Mal Gefahr läuft hinzufallen. Jeder andere hätte vermutlich gelacht, aber nicht so er. Ihn fasziniert das. &nbsp;<br>Ein anderes Mal beobachtete er einen jungen Vater, der seinem fahrradfahrenden Sohn hinterher rennt, um ihn davon abzuhalten auf die Straße zu fahren. Er sieht die Panik in seinem Blick fragt sich, wie das wohl ist. Angst um jemanden zu haben, den man gerne hat.&nbsp;</p>



<p style="font-size:16px">Ein paar Tage später entdeckt er die nackte Frau aus dem Fenster erneut. Diesmal steht sie mit einem blau-weiß gestreiften Shirt in einem String am Fenster und raucht. Ihre kurzen Haare sind mit einem roten Haarband nach oben befestigt, aber eine feine Strähne hängt ihr ins Gesicht. Ihre Brust hebt und senkt sich leicht. Die Augen sind geschlossen.&nbsp; In ihrer Mimik liegt etwas Entschlossenes.<br>Ihre Augen öffnen sich langsam und sie blinzelt in die Sonne. Das Gesicht wirft einen feinen Schatten auf ihren Hals und das Schlüsselbein. Dann drückt sie die Zigarette auf dem Fensterrahmen aus und geht. Er würde ihr gerne sagen, dass sie schön ist. Zwanzig Sekunden.</p>



<p style="font-size:16px">„Ah, alter Freund. Wie geht es dir?“, fragt eine Stimme.<br>Es ist Marcus der Bauarbeiter, der sich sein Feierabendbier kauft. Marcus beobachtet niemanden. Er genießt nur sein Bier.<br>„Gut. Selbst?“. Ihm ist die Unterhaltung lästig.<br>„Bettina, meine Alte macht wieder Stress…“, fängt Marcus an und ab da hört er nicht mehr zu. Es würde wieder eine Geschichte von einer Frau werden. Und diesmal einer, die er gevögelt hatte. Sein Blick gleitet auf die Seite und er sieht eine Frau auf den Kiosk zukommen. Die Frau vom Fenster.<br>Er starrt sie an, folgt ihr mit seinen Augen, bis sie im Laden verschwindet. Marcus redet immer noch. Sie steht am Tresen, ihr Mund bewegt sich. Der Verkäufer, ein hässlicher Kerl mit ungewaschenem Haar, gibt ihr eine Packung Camel und einen Snicker Riegel. Sie gibt ihm Geld und geht. Er senkt den Blick, als sie an ihm vorbeigeht, versucht zu riechen. Ein feiner Geruch, wie frisch gebadet.</p>



<p style="font-size:16px">„Warte.“, raunt er.<br>Sie dreht sich um und sieht ihn fragend an, er blickt zurück. Einige Sekunden bleibt sie stehen, dann zieht sie die Augenbrauen hoch und geht.<br>Marcus redet immer noch.<br>Zwei Minuten und sechzehn Sekunden.</p>



<p style="font-size:16px">Als er nach Hause kommt stinkt es nach Leere. Er öffnet eine Dose Ravioli, ein Bier, setzt sich auf seine eingesessene Couch und nimmt die Fernbedienung in die Hand. Alles was jetzt im Fernsehen läuft langweilt ihn dermaßen, dass er die Miene verzieht. Er isst seine Ravioli, trinkt den Rest Bier in einem Zug, dann nimmt er sich seinen Laptop und suchte nach einem Porno.<br>Als er fertig ist fühlt er sich dreckig, legt den Laptop genervt weg und entscheidet sich für eine heiße Dusche. Dann geht er zu Bett.<br>Am nächsten Tag wacht er mit dem Wunsch auf im Bett zu bleiben, aber spätestens, als der Bass des Nachbars seine Wände zum beben bringt, zieht er an was herumliegt und verlässt das Haus für einen Spaziergang zu seinem Kiosk. &nbsp;<br>Der Tag ist kalt und hässlich. Keiner würde bei so einem Wetter freiwillig das Haus verlassen. Aber er bemerkt das nicht.<br>Und so steht er eine Weile an der Ecke, sieht den Autos zu, wie sie unter dem Kommando ihrer Fahrer zur Arbeit hasten und zündet eine Zigarette an. &nbsp;<br>In dem Moment kommt die Frau vom Fenster aus ihrem Haus. Auch sie zieht an einer Zigarette und kommt auf ihn zu.<br>Für einen Moment ist er sich sicher, dass sie in den Kiosk will, aber ihr Blick bleibt steif auf ihm haften, bis ihr Körper direkt vor seinem steht.</p>



<p style="font-size:16px">Sie sieht ihn mit ihren eisblauen Augen an und fragt: „Was wolltest du gestern?“ <br>Augen starren in Augen, er antwortet: „Ich weiß nicht.“.<br>„Okay.“, ihre Stimme wellt sich dabei ebenso, wie ihre Haare. Sie will an ihm vorbei die Straße entlang, aber er greift nach ihrer Schulter.<br>„Lass uns was essen gehen.“, formt sein Mund, er wundert sich selbst.<br>„Okay.“. &nbsp;Und sie gehen in das türkische Restaurant auf der anderen Straßenseite.<br>„Eine türkische Pizza und ein Ayran dazu, bitte,“.<br>Er lauscht ihrer Stimme. Rauchig und hell. &nbsp;<br>„Für mich dasselbe.“, sagt er, ohne zu überlegen. Er weiß nicht, was sie bestellt hat. Sie setzen sich in eine der hinteren Ecken, kurz vor den Toiletten. Er legt einen Arm auf die Lehne der Sitzbank und versucht es sich gemütlich zu machen. Immer wieder rutscht er hin und her.<br>„Wie heißt du?“, fragt sie.<br>„Paul. Und du?“<br>„Frieda.“<br>Dann ist es wieder still. Aber die Stille hätte ebenso gut Musik sein können oder eine Unterhaltung, sie drängt nicht.<br>Kurz darauf kommt das Essen.<br>„Kannst auch was von meiner haben.“<br>„Aber die sind genau identisch.“<br>„Ist doch egal.“<br>Er musst schmunzeln und beißt in sein Stück. Als sie fertig sind bezahlte er und sie verlassen den Laden.<br>„War schön. Sollten wir wiederholen.“, sie lächelt ihn das erste Mal so an, dass er es voll und ganz aufnehmen kann.<br>„Stimmt.“, antwortet er.<br>„Nächste Woche?“.<br>„Ja.“.<br>Vierzig Minuten.</p>



<p style="font-size:16px">In den darauffolgenden Tagen überlegt er mindestens ein dutzend Mal, ob er sich eine Pflanze kaufen soll. Die Leere drückt ihm auf den Kopf. Im Pflanzenladen rät man ihm zu etwas mit großen Blättern und so schleppt er einen grünen Topf mit grüner Pflanze. Im Gang wird er seltsam angeschaut. Seit wann er auf Pflanzen stehe, fragt ihn der dicke Nachbar von unten und als er entgegnet, seit jetzt, grunzt er beleidigt und watschelt das Treppenhaus runter.<br>Er platziert das Fensterblatt neben seine Couch, lässt sich mit einem leisen Seufzer sinken, schaltet den Fernseher an und zappt durch die Kanäle, bis er an einer Sendung über Paviane hängen bleibt. Es gibt keinen bestimmten Grund, aber er empfindet Mitleid mit den Tieren. Sein Blick fährt zum Fenster, realisiert den feinen Strahl Sonne, einen Windzug und einige, viele Wolken und gleitet dann wieder zurück auf den Bildschirm. Er beschließt zu duschen. &nbsp;</p>



<p style="font-size:16px">Nun ist es offiziell. Er beobachtet das Fenster. Und das Fenster starrt zurück. Aber er lässt sich nicht irritieren. Frieda kommt an jenem Tag erst spät. Sie knipst das Licht um siebzehn Uhr und dreiundzwanzig Minuten an und knipste es dreißig Sekunden später wieder aus.<br>Kurz lässt er den Blick sinken, aber das Licht geht wieder an und sie steht da mit ihrem Gummi im Haar und einem leichten String. Er kann nicht anders – er nimmt den Moment vollkommen in sich auf. &nbsp;Eine ganze Minute.<br>Eine Weile passiert nicht viel, Autos und Busse fahren die lange Allee am Kiosk vorbei.<br>Die einen sind fett, die anderen dünn, die anderen orange und die nächsten blau. Wie Menschen, denkt er, Menschen ohne Seelen. Die einen mit langen Augen und die anderen mit kurzen, schmalen. Und ebenso, wie sie aussehen, so tun es ihre Besitzer. Wie mit den Hunden, denkt er sich dann. Eine kurze Frau mit kurzem Hund läuft vorbei.</p>



<p style="font-size:16px">Genau eine Woche passiert nichts Spektakuläres, bis er Frieda wiedersieht. Sie kommt mit zwei voll bepackten Tüten die Straße entlang und muss sie abstellen, um ihren Schlüssel zu suchen. Er will helfen, aber als er sich entschieden hat über die Straße zu laufen ist sie bereits im Gang des blau gekachelten Flurs verschwunden, leise und schnell. Bloß die Tür lässt ein gedehntes Quietschen von sich. Er kann es so laut hören, dass er sich wundert, ob es überhaupt die Tür ist. Als würde sie ihm zurufen. Er klingelte ein Mal an der Tür, wippt von Bein auf Bein, dann vor und wieder zurück, schürzt die Lippen und lässt es dann wieder.</p>



<p style="font-size:16px">„Hallo?“, fragt die Sprechanlage.<br>„Ich bin es.“, sagt er, sie öffnet.<br>Die Wohnung liegt im dritten Stock, er nimmt zwei Stufen auf einmal und steht kurz danach vor der blauen Tür. &nbsp;<br>Er betritt die Wohnung nicht, bis sie im Türrahmen erscheint, ihn fragend ansieht und ihn lächelnd herein bittet.<br>Er steift seine Schuhe ab, sieht sich um. Es riecht nach süßem Parfum, unaufdringlich, aber deutlich. Im Hintergrund hört er leise Musik.<br>Eine Weile beobachtet er ihren schlanken Körper, der sich manchmal an ihm vorbei in die Küche bewegt, dann in ihrem Zimmer nach etwas sucht und findet.<br>Sie hat einen geschmeidigen Gang, nicht grazil, aber flüssig. Ihre kurzen Haare wippen leicht zu jedem Schritt, sie blinzelt nicht oft. Ihre Haut glänzt matt und schimmert auf den hohen Stellen ihrer Wangenknochen.</p>



<p style="font-size:16px">Wie auch die Frau im Fenster trägt sie bloß einen Slip, heute in einem Pastell-Grünton und ihre kurzen, lockigen Haare sind wie gewohnt mit einem roten Gummiband nach oben gesteckt. Kurze Zeit später, er hätte nicht sagen können, wie lang er dort gestanden war, widmet sie sich ihm zum ersten Mal. Er nimmt auf dem dunkelgrünen Sofa Platz. &nbsp;</p>



<p style="font-size:16px">„Möchtest du etwas trinken?“, fragte sie.<br>Nein, sagt er und sie kommt langsam auf ihn zu, setzt sich neben ihn und sieht ihm unverwandt in die Augen, ihr kleines Gesicht leicht zur Seite geneigt. &nbsp;</p>



<p style="font-size:16px">Und dann setzt sie ihre weichen Lippen auf seine, behutsam, als wären sie beide aus einem zerbrechlichen Material und als er ihre stille Bitte erwidert lieben sie sich, erst langsam und dann hektisch. Mit ihren Fingern und Händen, mit ihren Mündern und schließlich allem.&nbsp;</p>



<p style="font-size:16px">Seine Augen öffnen sich, als es schon dunkel ist. Er betrachtet eine Weile die Haare auf seiner Brust, die sich mit den Atemzügen heben und senken und streicht ein paar Mal darüber. Frieda liegt nicht mehr in seinen Armen, er hört das Geräusch von prasselndem Wasser, setzt sich mit einem Schwung aufrecht hin und geht dann ins Bad. Sie seift sich gerade ein, als er kommt, sieht ihn kurz an, öffnet dann die Duschkabine, um ihn zu sich zu lassen und als sie sich nochmals geliebt haben trocknen sie sich gegenseitig ab, ziehen sich an und er geht. &nbsp; Als er die zwei Stockwerke, eine Treppe nach der anderen, herunterläuft, fühlt er sein Telefon in der Jackentasche und ihm fällt ein, dass er ihre Nummer nicht hat. &nbsp;Auf der kühlen Straße kommt er an dem Kiosk vorbei, über dem eine Zeitanzeige leuchtet. Er zieht seine Jacke fest um sich und sieht hoch. &nbsp;Es ist fünf Minuten nach Mitternacht.</p>
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